Bericht eines Rookies vom Sedivackuv Longtrail 2011

Jetzt, wo meinem Körper auch mein Geist nachgefolgt ist, der sich noch etwas länger als der Rest meines „Ich“ im tschechischen Adlergebirge verweilte, schreibe ich euch einen kleinen, persönlichen Bericht aus den Augen eines Rookies über meinen ersten Sedivackuv Longtrail:

Die Geschichten, Gerüchte und Erzählungen über dieses Rennen faszinierten mich schon die letzten Jahre,
genauer seit ich mit den alpinen Rennen in Österreich am Wildkogel und in den Nockalmbergen begonnen habe.
„DESTNE“, das war das Zauberwort, das in mir sowohl Ehrfurcht als auch Verlangen erzeugte.
Berichte von bitterkalten Biwaknächten, Schneestürmen, verschollenen Mushern, elendslange Fahrten im regennassen Gewand, das dann in der Kälte der Bergen wieder tiefgefror, 
trails die durch schroffe Bachbette führten, liessen mich heuer zu dem Entschluss kommen, mich für dieses Rennen anzumelden.
Eigentlich war der Zeitpunkt denkbar ungünstig:
So eine vermurkste Trainingssaison hatten wir schon lange nicht, und auch das Vorbereitungsrennen in Neukirchen am Grossvenediger war nicht das was es hätte sein sollen, aufgrund des Warmwettereinbruchs konnte der Wildkogel-Longtrail ja nur in der Sulzau ausgetragen werden….so ganz ohne Berge.
Doch gerade die schweren Steigungen am Wildkogel waren das was ich als Test suchte, gerade für meine jüngste Hündin Iolanda, die ja noch nie bei einem Longtrail mit dabei war, von der ich also nicht wusste wie sie bei solchen Bedingungen reagieren würde.
Aber es kam eben anders, ich konnte es auch kaum mehr beeinflussen, und so fuhr ich, mit einem ehrlich gesagt gar nicht so gutem Gefühl, Sonntag früh Richtung Destne los.

Die Fahrt verlief soweit sehr gut, es war kaum Verkehr und ich kam gut voran.
Nur ein kleines Detail fehlte während der ganzen strecke….Schnee!
Das Navi zeigte schon an das wir 12km vor dem Zielort Destne waren…..und es gab immer noch keinen Schnee, ich zweifelte schon daran dass das Rennen stattfinden würde, 
aber laut internet wurde es ja bestätigt.
Dann kamen die letzten paar Kilometer, Bergstrassen…und es kam der Schnee, zwar nicht sonderlich viel, aber immerhin in solchem Ausmass das ich halbwegs beruhigt war.
In Destne angekommen fand ich rasch einen geeigneten stake-out Platz für mich und meine Hunde, und ich freute mich die nächsten 2 Tage in Ruhe aklimatisieren zu können.
Gallahad und Iolanda hatten die Tage davor ohnehin noch etwas mit Magen-Darm Problemen zu tun, und so war s mir nur recht das sie noch etwas Zeit zum regenerieren hatten und ich sie gut beobachten konnte.

Die Zeit bis Start des Rennens am Mittwoch verging wie im Flug.
Da sich in Destne Alles in der Chata Krystina trifft, wo man isst, trinkt, quatscht und sich trifft, kam in kürzester Zeit eine sehr tolle, familiäre Stimmung auf, die durch meine angenehmen stake-out Nachbarn noch verstärkt wurde.
Am Montag Nachmittag hatten wir dann auch noch eine kleine Premiere, da wir mit unseren deutschen Musherfreunden Marco Webers und Heiko Häusler in einem nahegelegenen polnischen Forst trainieren waren. Marco kennt dort den Förster, bei dem er seit eingen Jahren im Winter trainiert, und so lud er uns zu einer entspannten Fahrt ein.
Eines verunsicherte mich aber doch noch ein bisschen…die grosse Ungewissheit was den wirklichen Anspruch der Rennstrecke betrifft, und meine kleines Mäderl, Iolanda, das auch schaffen würde.
Ich weiss und wusste zwar das sie eine sehr starke Persönlichkeit ist und hatte sie im Training auch immer besonders unter Beobachtung, aber Belastungen solchen Ausmasses hatten wir eben noch nie trainiert.
Ein zweites war der viele Neuschnee der ab Dienstag fiel….30-40cm kamen da über Nacht herunter,
und dass das einen tiefe, schweren trail für das Rennen bedeuten würde, machte die sache nicht unbedingt leichter.

 

1.Renntag:
(60km, 1900Höhenmeter, tiefer trail, 55kg im Schlitten)
Eines der tollen dinge am Sedivackuv Long ist, das der Start der einzelnen Kategorien in Zeitfenstern erfolgt. Unsere Kategorie, LT2 (5-8 Hunde), war von 10:20 bis 10:50, in der wir irgendwann starten konnten. Die Startzeit wird dann genommen wenn der Musher rausfährt, und der ganze Stress mit minutengenauem Start fällt weg.
Ich liess am ersten Tag die meisten teams aus meiner Kategorie vor mir starten, half auch noch beim einspannen anderer teams und wollte es ohnehin ganz ruhig angehen. Da mein erklärtes Ziel das finishen des Rennens war, wollte ich alles was Stress bedeutet vermeiden, und ging bewusst gemächlich vor.
Der trail war wie vorhergesehen sehr tief und schwer, und ich hatte schon von beginn an viel zu tun um den Hunden bergauf Gewicht abzunehmen, indem ich fleissig pedalte. Bei den langen Abwärtspassagen achtete ich darauf das die Hunde nicht in Galopp fielen. Die meisten Abfahrten waren relativ steil und holprig, ich wollte alles vermeiden was eine mögliche Verletzung der Hunde herbeiführen könnte, und die Zeit war mir ohnehin ziemlich egal….Hauptsache durchkommen….und das mit gesunden Hunden…mit diesem Ziel vor Augen fuhr ich nach etlichen Stunden bereits in der Dunkelheit durchs Adlergebirge.

Die Fahrt in der Dunkelheit war äusserst schön. Ich hatte mich von den anderen teams gelöst, und fuhr ganz alleine durch die Nacht. Nicht das Nachtfahrten etwas ungewöhnliches für mich und meine Hunde gewesen wären, nein, wir hatten in der Trainingssaison sehr viele Abend- und Nacht Einheiten gemacht,
aber nach etlichen Stunden auf dem Schlitten verschwand mein Raum- Zeitgefühl vollkommen.
Ich konnte nicht mehr einschätzen wie lange und wie weit wir schon unterwegs waren, noch weniger wie spät es ungefähr sein konnte, und obwohl ich mein Handy natürlich mit hatte, wollte ich mit dieses neue, ungewohnte Gefühl nicht durch einen Blick auf die Uhr verderben.

Nach knapp acht Stunden am ersten Renntag sah ich endlich das Schild: „Checklyst 4km“
Durch mich flutete ein Gefühl der Freude die erste Etappe beinah geschafft zu haben, und auch eine gewisse Erleichterung machte sich in mir breit, da ich selbst körperlich schon ziemlich angeschlagen war.
Den Hunden war das doch relativ egal, sie liefen wie die anderen Kilometer davor ihr Tempo, ausser auf dem letzen Kilometer, als ich sie mit einem aufmunterndem „jetzt geht´s nach Hause“ noch mal auf Touren bringen wollte, legten sie noch mal einen Zahn zu.

Im Ziel angekommen kontrollierte ein team der Rennleitung dann noch meine Ausrüstung, und nach ein paar Minuten fuhr ich schon auf meinem stake-out Platz ein.
Ich war einfach nur stolz auf meine Hunde, und war ehrlich gesagt ziemlich gerührt.
Nach dem Füttern sah man den Hunden die Ermüdung aber schon an.
Ausser Iolanda, um die ich mir im Vorfeld am meisten Sorgen gemacht hatte, rollten sich alle nach dem fressen sofort ein und schliefen, nur das kleine Mädchen wollte noch mit mir spielen.
Ich massierte die Hunde dann noch kurz durch und verlud sie anschliessend in ihre Boxen.
Der erste Renntag war geschafft.

2. Renntag:
(60km Nachtetappe, 1900 Höhenmeter, trail etwas härter, 55kg im Schlitten)
Den 2. Renntag konnten wir aufgrund des späten Starts ebenfalls sehr entspannt angehen.
Da dieser Lauf als Nachtrennen ausgeschrieben war, erfolgte der Start erst gegen 13:00 Uhr.
Im Gegensatz zum Vortag nahm ich dann aber doch meine neue Stirnlampe (Petzl Ultra) samt 2tem Akkupack mit. Ich war am ersten Renntag ja der Meinung das ich wohl kaum so lange brauchen würde um lange im dunkeln zu fahren, und hatte nur die alte Stirnlampe mit….gut, die Batterien bei dieser waren neu, und halten erfahrungsgemäss fast ewig…nur mit der Lichtausbeute ist es halt nicht so gut.
Der Start verlief wieder problemlos, wobei ich so früh als möglich im Zeitfenster starten wollte, was mir auch gelang, wir gingen als 2. oder 3. team unserer Kategorie auf den trail.
Nach wenigen Kilometern war klar das sich die trailbedingungen wesentlich gebessert hatten.
Die Strecke war härter als bei der ersten Etappe, und so hatten meine 6 Hunde auch weniger Mühe den mit 55kg vollgepackten Schlitten durch die Gegend zu ziehen.
Da ich nun die Strecke kannte und besser einschätzen konnte, änderte ich auch (teilweise) meine Fahrtaktik, überholte eher die vor mir fahrenden teams und schloss mich teams, die mich überholten rascher an…..auf die Dauer und Anzahl der Überholmanöver gesehen ein nicht unwesentlicher Faktor was die Gesamtzeit betrifft.
Leider kam es dann doch etwas anders als ich geplant hatte….
Ca.bei km 40, nach dem kilometerlangen letzen Anstieg der Strecke, hazzen meine Hunde ein extremes Leistungstief. Meine leader wollten nicht mehr, und auch mehrmaliges umspannen brachte nicht den gewünschten erfolg (wie auch…)
Etliche teams „zischten“ in dieser Situation an mir vorbei, und ich war doch etwas ratlos, hatte ich doch schon alle Variationen des Einspannens versucht…ausser einer…
Die Sache ist so: Wie erwähnt hatte ich von beginn an etwas sorge um meine jüngste Hündin, Iolanda, ob sie dem Stress und der Anstrengung schon gewachsen sein würde. Ich hatte sie ja während der ganzen Vorbereitung schon als Co-leader mit Ebby antrainiert, was hervorragend klappte, musste aber bei den ersten Rennen im Jänner feststellen, das sie im „Wettkampfstress“ doch noch nicht so sicher und motiviert war. Aus diesem Grund lief sie auch in Destne als Swing-dog.
Bis genau zu diesem Zeitpunkt: Ich sagte zu mir, denk nach, was hast du trainiert, wie hast du trainiert, wenn jetzt irgendetwas funktionieren kann, dann nur mehr das.
Und so kam die kleine Maus gemeinsam mit Ebby in´s lead….und es klappte!
Dieser kleine Wirbelwind führte uns die restlichen 20km souverän in´s Ziel….ich gestehe, ich hatte auf den letzten paar Kilometern Tränen in Augen, so gerührt war ich von dem Mädel.

Die Hunde waren nach dem zweiten Renntag schon sichtlich müde, und auch ich spürte schon meine Knochen, aber durch diesen im Endeffekt sehr guten 2ten Lauf, immerhin hatten wir in unserer Kategorie 3 Plätze gutgemacht, war ich motiviert für die beiden letzen Etappen.

3. Renntag
(Fahrt ins Biwak, 56km, 2100 Höhenmeter, 65kg im Schlitten)
Für den dritten Tag wusste ich bereits im Vorfeld das die Ladung im Schlitten etwas mehr werden würde.
Zusätzliches an Gewand und Essen bedeutet eben auch zusätzliches Gewicht, und auch das Zelt, das ich an dem tag anstatt des leichten Biwaksacks mitnahm, hat gute 2,5 kg mehr als eben dieser.
Den Hunden schien es scheinbar nichts auszumachen, die paar Kilo mehr waren ihnen so ziemlich egal.
Bei der zweiten Bachquerung, nur ein paar Kilometer nach dem Start, passierte mir allerdings etwas ganz unangenehmes:
Ich sah schon weiter oben, das der Bach unten um einiges breiter war als in den Tagen zuvor, und wusste, dass ich seitlich vom Schlitten sein musste um selbst rüberspringen zu können, sobald die Hunde drüber sind. Aus welchen Gründen auch immer löste ich zu diesem Zweck meinen Bachgurt-Leine vom Schlitten…Nach dem eigentlich geglückten Sprung über den Bach schlug es mir aber die handle-bar aus der Hand…die Hunde, durch den eigenen Sprung motiviert, hatten ihre grosse Freude daran das Hauptgewicht (nämlich mich) da hinten los zu sein und galoppierten bergauf mit dem Schlitten davon, ich hatte Null Chance das Gespann einzuholen. Zu meinem grossen Glück fuhr ca 200m vor mir ein anderes team, dessen Musher ich zubrüllte er möge die Hunde aufhalten…dieser traute sich erst nicht die Hunde anzugreifen, was ir völlig unverständlich war…und ich geriet schon etwas in Panik…zum Glücknahm sich der Kollege dann doch ein Herz und fasste sich immerhin den Schlitten, der schon fast an ihm vorbei war.
Die Lektion „kommandoloses überholen eines fremden teams“ wäre also beinah geglückt….
Mir fiel ein Stein vom Herzen als ich mein Gespann wieder eingeholt hatte….

Vorsichtiger geworden durch den Leistungseinbruch meiner Hunde am Vortag, machte ich ein Stück vor dem letzten grossen Anstieg eine Pause und snackte meine Hunde, was sich wirklich bezahlt machte, denn dadurch konnten wir dieses Loch sehr gut überbrücken.

Es war schon Nacht als wir schlussendlich im Biwak angekommen sind…ich war überglücklich, denn ich wusste, das mit dem erreichen des Biwaks das Rennen für uns eigentlich schon geschafft war….die paar Kilometer am letzten tag würden wir locker schaffen, und das meine Hunde kein Problem mit fressen und schlafen im Biwak haben wusste ich.



4.Renntag
(36km, 1700 Höhenmeter, 65kg im Schlitten)
Nun….Weder die Hunde noch ich hatten also ein Problem mit fressen und schlafen im Biwak…lediglich ich hatte ein kleines…mit dem trinken….aber das ist eine andere Geschichte…
Nachdem wir zum Start aus dem Biwak ein allgemeines Zeitfenster von 07:00 bis 09:00 hatten, hatten wir auch mit dem losfahren keinen Stress. Es wurde alles gemütlich zusammengepackt, die Hunde noch gefüttert, Mist weggeräumt, und so ca um 09:00 starteten wir bei herrlichem Sonnenschein zu unserer letzten Etappe.
Die Hunde liefen erstaunlich rund, ich fürchtete einige würde, so wie letztes Jahr bei der Trans Thüringia ziemlich steif nach der nacht im Freien sein, aber nein, es lief wirklich gut.
Lediglich ich hatte einen ziemlich…schweren…Magen….
Als wir nach ca. 3 Stunden zum letzen Mal das „checklyst“- Schild sahen, war ich wie im siebenten Himmel….wir hatten es geschafft….die letzen Kilometer feurte ich meine Hunde noch einmal so richtig an, rief ihnen zu das es jetzt nach Hause geht und lobte sie einzeln in den höchsten Tönen…es war einfach ein tolles Gefühl.
Der Moment der Zieldurchfahrt erfüllte mich mit ebensolcher Freude…was hatte ich mir zuvor für Sorgen und Gedanken gemacht, 
vor allem um mein „Iolentinchen“ (Iolanda)….
und die Hunde haben doch alles souverän gemeistert,
ich danke ihnen aus ganzem Herzen dafür.

in tiefem Dank an meine treuen Hunde